Neon Interview: Die Rente ist sicher (2007)
Der Auftrag für eine Tütensuppenwerbung änderte sein Leben. Ein Interview mit dem Schauspieler Jonathan Rhys Meyers.
Herr Rhys Meyers, nach Ihrem Werbevertrag mit Versace haben Sie jetzt bei Boss unterschrieben. Bald sind Sie als Gesicht des Parfüms “Hugo” zu sehen. Sind Sie nicht eigentlich Schauspieler?
Ja, warum?
Haben Sie keine Angst, mehr als Model denn aufgrund Ihrer Filme “Match Point” oder “Velvet Goldmine” wahrgenommen zu werden?
Ängste habe ich viele. Meine Mutter hat immer gesagt: “Glück und Unglück sind wie zwei Hunde, die dir ständig folgen.”
Und was soll das heißen?
Wenn man den einen sieht, ist der andere nicht weit. Ein guter Werbevertrag spült Geld in die Kassen, der Glückshund wedelt mit dem Schwanz – wau!, da ist er auch schon, der zweite Hund, der sagt: “Vorsicht, gleich bist du deine Filme los!” Stimmt aber nicht. Ich drehe gerade “Die Tudors”, “August Rush” wird bald in die Kinos kommen. Sie müssen sich im Moment um mich keine Sorgen machen, vielen Dank.
Und wovor haben Sie dann Angst?
Ich bin nicht unbedingt der bekannteste Schauspieler der Welt. Ich werde nie zu den zehn bestbezahlten Schauspielern gehören. Aber ich habe in den letzten zwölf Jahren in dreiunddreißig Filmen mitgespielt, ich konnte gut leben davon. Nach jedem Dreh kommt dennoch diese Angst, dass nichts nachfolgen wird. Dass es aus ist. Und was dann? Ich habe ja nur schauspielern gelernt, und sogar das habe ich mir selbst beigebracht. Wie sieht es also mit meiner Rente aus?
Heißt das, Sie nehmen Angebote an, um vorzusorgen, falls nichts nachkommt? Das klingt, als seien Sie ein Fußballspieler.
Schmiede dein Eisen, solange das Feuer heiß ist.
Sie haben im letzten Jahr mit Tom Cruise und Woody Allen gedreht.
Naht wirklich das Ende?
Im Moment läuft es wie gesagt ganz gut. Aber ich habe Vorkehrungen getroffen.
Altersvorsorge?
Ich meine die innere Einstellung. Ich komme mir heute einfach seltener wie ein Hochstapler vor. Vor fünf Jahren hatte ich häufig Angst, es könnte mich jemand am Set dabei ertappen, dass ich einen Fehler mache und plötzlich merken alle : “Der kann es gar nicht!”
Dieses Gefühl habe ich nur noch beim Autogrammegeben.
Da denke ich oft: “Wollen die mich verarschen, schmeißen die hinter meinem Rücken die Karte weg?” Aber so ist es eben.
Am einen Tag kriegst du viel Publicity – am nächsten wird eine andere Sau durchs Dorf gejagt. Das hat mich die Karriere von Tom Cruise gelehrt, ich habe mir viel von ihm abgeschaut.
Was noch?
Dass man neben der Schauspielerei und dem Privatleben auch auf sein Image achten muss. Cruise achtet bestimmt sehr darauf.
Aber seine Karriere ist gerade ins Stocken geraten, weil ihn alle Welt für einen Verrückten hält. Ist er in Wirklichkeit ganz anders?
Woher soll ich das wissen?
Sie haben immerhin mit ihm gearbeitet.
Bei den Dreharbeiten zu “Mission Impossible III” war ich zwei Monate lang rund um die Uhr mit ihm am Setalles in allem hat er sich aber in dieser Zeit nicht einmal länger als zehn Minuten am Stück mit mir unterhalten. Die Schauspielerei hat mich nur wegen des Geldes interessiert, plötzlich gab es legale Wege, nicht zu hungern.
Ihre Erfahrung, Ihr klingender Name und ein gewisses Äußeres stellen eine Sicherheit dar, auf die Sie sich eigentlich verlassen können.
Nein.
Nein?
Nein.
Warum nicht?
Das ist so, als verließe sich jemand, der bei einer Bank arbeitet, darauf, nicht entlassen zu werden. Er hat ja Recht, sich in Sicherheit zu wiegen – immerhin arbeitet er bei einer Bank. Und peng! Ist sein Arbeitsplatz weg. Sie sehen: Eigentlich kann man sich auf gar nichts verlassen. Was meinen Sie überhaupt damit: “ein gewisses Äußeres”?
Nun ja …
Ich verstehe nicht, dass mich manche, unter ihnen sogar Männer, gutaussehend finden. Jude Law, das ist für mich ein hübscher Typ. Ich bin es nicht. Aber ich weiß, dass sich im Filmgeschäft alles um Sexyness dreht. Deshalb gebe ich mein Bestes, wenn die Kamera angeht.
Was würden Sie heute wohl machen, wenn Sie nicht Schauspieler geworden wären?
Ich wäre Klempner in Cork, ich würde immer noch versuchen, einen Werbespot für Tütensuppen an Land zu ziehen … was weiß ich! Ich komme ja wirklich nicht aus einer wohlhabenden Familie. Meine Mutter war alleinerziehend, wir waren arm. Meine Kindheit war schwierig, aber welche Kindheit ist das nicht.
Sie sind von der Schule geflogen?
Ich hatte eine Menge Zeit zum Billardspielen. Und beim Billard bin ich entdeckt worden, als ich fünfzehn war. Die Schauspielerei hat mich damals nur wegen des Geldes interessiert, plötzlich gab es legale Wege, nicht hungern zu müssen. Sie wissen nicht, wie es ist, wenn Sie als Kind hungern mussten und die Mutter trinkt.
Erzählen Sie es mir.
Was ich mitgenommen habe aus dieser Zeit: Armut kann einem genauso in die Knochen gehen wie Trauer oder Freude. Wenn Sie das wüssten, würden Sie meine Arbeit als Model nicht problematisch finden. Außerdem sagt die Firma, die das Parfüm herstellt: “Hallo, lieber Käufer, das ist nur ein Duft! Das Wichtigste musst du allein hinbekommen! Du musst deine Ängste abschütteln und du selbst sein!”
In diesem Fall kommt also auch noch eine Grundaussage hinzu, die zu mir passt.
Eine Grundaussage – oder eine Floskel?
Eine Floskel? Warum?
Es ist leichter, Ängste abzuschütteln, wenn man Schauspieler ist und nicht diesen einen Chef hat, der einen quält, oder an diese eine Uni gehen muss, die man eigentlich hasst. Nein, das ist es nicht! Womit wir wieder beim Anfang wären: Ich habe genauso viel Angst wie jeder andere. Ich lasse nur die Angst nicht bestimmen, was ich letztendlich tue.
Nach zwölf Jahren in der Filmindustrie lasse ich mich von der Angst nicht mehr in Fetzen reißen. Aber sie ist für mich
genauso immer schon da wie für jeden anderen auch. Allein, wenn Sie in einer Flughafenhalle stehen, spüren Sie das flache Atmen der Menschen, dieses Gefühl, dass jeden Moment eine Bombe detonieren könnte.
Ist das Paranoia, oder empfinden Sie diese Bedrohung als real?
Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Anspannung und Stress kommen zuallererst aus unserer Psyche. Jeder hat gewisse Wünsche, gewisse Bedürfnisse. Gerade als junger Mann fragt man sich doch: “Was für eine Frau werde ich heiraten? Wie viel werde ich verdienen? Sage ich auch immer das Richtige?” Das ist menschlich: Wir möchten gemocht werden.
Und was ist verkehrt daran?
Wer sein Leben nach der Angst davor ausrichtet, was andere von ihm denken, kann gleich einpacken. Niemandes Meinung sollte wichtiger sein als deine eigene. Nur so kannst du glücklich werden. Übrigens ist es auch die einzige mir bekannte Art, eine Frau zu verführen: indem du ihr vorspielst, sie sei dir egal, nur du selbst seist dir wichtig. Indem du einfach so tust, als machte es dir nichts aus, ob sie mit dir nach Hause geht oder nicht.
Ihnen wurden einige Affären mit amerikanischen Schauspielerinnen angedichtet, im Gegensatz dazu sind Sie mit der Studentin Reena Hammer liiert. Mögen Sie keine Stars?
Ich dulde nur eine Zicke neben mir. Und das bin ich selbst. Außerdem sehen Schauspielerinnen in Filmen immer viel besser aus als im wirklichen Leben.
Als ich Angelina Jolie zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, war ich richtig enttäuscht. In ihren Filmen ist sie irgendwie – geairbrushed. Meine Frau ist gebildet und hübsch, sie hat halb indische, halb polnische Vorfahren. Warum sollte ich ihr eine Plastikschönheit aus Los Angeles vorziehen, einer hässlichen Fabrikstadt, in der alle Menschen erschöpft sind? Ich schaue mir schließlich auch keinen Porno an, in dem alle Darsteller ihre Kleidung anlassen!
Gerade haben Sie unseren Lesern einen wertvollen Tipp zum Aufreißen von Frauen gegeben. Wollen Sie ihnen auch noch verraten, was einen guten Schauspieler ausmacht?
Arbeite hart, und kümmre dich um dein Aussehen, denn das ist Teil des Berufs. Gerade wenn du jung bist, sind es reine Äußerlichkeiten, deretwegen du deine Rolle bekommt. Jeder, der etwas anderes sagt, ist verrückt. Es gibt schließlich Gründe, warum Brad Pitt die Filme macht, die er macht. Wenn Brad Pitt nicht aussehen würde wie Brad Pitt, hätten wir noch nie von ihm gehört.
Und was raten Sie den Leuten, die nicht aussehen wie Brad Pitt?
Erst mal rate ich ihnen nichts. Erst mal sage ich: “Herzlichen Glückwunsch!” Aber mal im Ernst: Der größte Saboteur des eigenen Glücks ist immer das Selbst, ist immer die Angst davor, anderen nicht zu gefallen. Arbeite hart, gefalle dir selbst, spiele mit den schönen Dingen, die dich umgeben, und du wirst glücklich sein.
Jonathan Rhys Meyers zählt zu den gefragtesten Schauspielern Amerikas.
In der TV-Biografie “Elvis” spielte er den King of Rock’ n ‘Roll – und gewann einen Golden Globe.
Im vergangenen Jahr war der Sohn bitterarmer Iren als sozialer Aufsteiger und Scarlett-Johansson-Küsser im Woody-Allen-Film
“Match Point” zu sehen – und neben Tom Cruise in “Mission Impossible III”.
Wenn gleich Rhys Meyers bereits in über 30 Filmen mitwirkte, darunter “Velvet Goldmine”, “Kick It Like Beckham” und “Alexander”
von Oliver Stone, ist ihm der ganz große Durchbruch in Hollywood noch nicht gelungen. Warum auch?
Los Angeles mag der in Dublin geborene Meyers, der auch viel Werbung macht, ohnehin nicht besonders.
Ingo Mocek – Neon.de





