Macht des Schicksals (2005)


New York im Dezember ‘05

Der 28jährige irische Schauspieler Jonathan Rhys-Meyers hat schon in über dreißig Filmen gespielt, auch wenn ihn die meisten Kinozuschauer nur als den hübschen
Fußballtrainer Joe aus “Kick It Like Beckham" kennen. Jetzt hat ihn Woody Allen für die Hauptrolle in seinem neuen Film “Match Point" engagiert, und weil dieser Film so viele unerwartete Wendungen nimmt, die damit anfangen, dass der Film in London spielt, gar nicht lustig ist und Woody Allen nicht einmal auf der Leinwand zu sehen ist, soll nicht allzu viel verraten werden.

Eines kann man schon vorwegnehmen – “Match Point" ist einer der besten Filme, die Woody Allen je gedreht hat, und der Umstand, dass er ein Tragödie von fast griechischem Format geschrieben hat, die in Europa spielt, ändert nichts daran, dass Woody Allen immer noch ein äußerst scharfes Auge für die Schwächen der Gesellschaft hat.

Jonathan Rhys-Meyers spielt in dem Film einen ehemaligen Tennisprofi mit dem Namen Chris Wilton, der sich in einem Londoner Club als Tennislehrer verdingt und dort die äußerst wohlhabende Familie der Hewetts kennenlernt. Als er sich mit deren Tochter Emily verlobt und diese auch heiratet, beschafft ihm sein Schwiegervater einen hochdotierten Job in seiner Finanzfirma. Als sich Chris in die Verlobte seines Schwagers Nola verliebt, die von Scarlett Johansson gespielt wird, nimmt das Drama seinen Lauf, bei dem sich Ereignisse schon bald überschlagen.

Das Treffen mit Jonathan Rhys-Meyers findet im altehrwürdigen New Yorker Carlyle Hotel statt. Das ist den Filmfirmen für solche Gelegenheiten normalerweise zu teuer, aber weil Woody Allen hier jeden Montag mit seiner Dixielandband spielt, wenn er gerade nicht dreht, gab es überhaupt keine Frage, wo die Interviews stattzufinden haben. Jonathan Rhys-Meyers trägt ein sündhaft teures bedrucktes Hemd, Cowboystiefel, die aussehen, als seien sie maßgeschneidert und kunstfertig ausgebleichte Jeans. Er sieht dann auch im wirklichen Leben so unverschämt gut aus mit seinen Schlafaugen, die selbst bei einem ganz normalen Interview an einem regnerischen Samstagnachmittag diesen wilden Ausdruck bekommen können, der seinen Figuren eine so explosive Aura verleihen.

Was wiegt schwerer?
Macht des Schicksals oder Wille des Menschen?

Ich glaube es geht um die Kombination aus Glück und Entscheidungen, die wir treffen, wenn sich das Glück anbietet. Das macht die Figur des Chris ja auch so interessant. Jedes Mal, wenn ihm das Glück begegnet, trifft er eine Entscheidung. Das können nicht alle. Viele erkennen das Glück nicht und verpassen es. Chris ist sich seines Glücks dagegen sehr bewusst.

In ’Match Point’ scheint er der einzige zu sein, der aus seinem Glück etwas macht. Alle anderen haben zwar Glück gehabt. Die Familie seiner Frau ist von Haus aus reich, Scarlett Johanssons Figur der Nola ist von Natur aus schön. Ist das nicht ein sehr amerikanisches Verhältnis zum Glück, dass der Held, der einzige ist, der das Glück buchstäblich beim Schopf packt?

Können wir uns nicht auf Pioniergeist einigen? Ich finde ja, dass das eher etwas damit zu tun hat, dass Pioniere jede nur erdenkliche Situation nehmen und das Beste daraus machen können. Aber das gilt genauso für Neuseeländer oder Australier, wie für Amerikaner.

Ein europäischer Charakterzug ist jedenfalls nicht.

Weil wir in Europa in den Dogmen unserer Geschichte gefangen sind. Das hat uns ein bisschen vorsichtiger gemacht. Wir sind eben gebrannte Kinder. Außerdem zählt eben immer noch, wer dein Vater und dein Großvater waren, das ist gerade in meiner Heimat Irland noch sehr verbreitet. Diese Altlasten der Aristokratie und diese Mentalität, dass man anderen von Geburts wegen überlegen sein konnte, sind den Amerikanern sehr fremd. Weil sie moralisch auch unvertretbar sind.

Was ist denn Ihr familiärer Hintergrund?

Ich bin in einer ziemlich einfachen irischen Arbeiterfamilie in der Stadt Cork aufgewachsen. Ich hatte eigentlich eine ganze normale Kindheit. Nur in den 70er und 80er Jahren war es manchmal ziemlich hart, weil da ziemliche Armut herrschte und damals viele Leute auswanderten. Als ich aufgewachsen bin, waren die drei wichtigsten Exportgüter aus Irland Guiness, U2 und junge Leute. Die gingen alle nach Übersee, was eh ein immerwährender Teil der irischen Geschichte ist. Deswegen gibt auf dem ganzen Planeten 40 Millionen Iren, von denen nur 5 Millionen in Irland leben.

Hat sich das nicht geändert?

Ja, jetzt behalten wir unser intellektuelles Kapital. Das hat uns ja auch zu einem so wohlhabenden Land gemacht.

Dann passt das ja auch zu Irland, dass man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen sollte.

Wir haben nicht auf die Macht des Schicksals gewartet, weil wir das nicht mehr konnten. Aber ich halte das sowieso für eine Form von Denkfaulheit, auf sein Schicksal zu warten. Nimm die Figur des Chris, der ist zwar Tennisspieler und kein Geschäftsmann, aber als er die Gelegenheit bekommt, in der Firma seines Schwiegervaters einen Chefposten zu übernehmen, macht er auch etwas daraus. Und er bleibt bei seiner Entscheidung.

Er könnte sich ja auch entscheiden mit Nola zur Schinderei einer bürgerlichen Existenz zurückzukehren. Aber er entscheidet sich eben dagegen, auch wenn das in seinem Fall eine unmoralische Entscheidung ist.

War Chris schon im ursprünglichen Drehbuch ein Ire?

Nein, das hat Woody Allen erst geschrieben, als er herausgefunden hat, dass ich Ire bin. Was sehr lustig ist, weil es im wirklichen Leben noch nie irgendeinen irischen Tennisspieler gegeben hat, der auf irgendeinem wichtigen Turnier hätte antreten können. Das wird vor allem in Irland ganz schöne Lacher geben, weil die Idee eines irischen Tennisprofis ungefähr so realistisch ist, wie die Olympiaambitionen des jamaikanischen Bobteams.

Schafft der Umstand, dass es ein Ire ist, der in die britische Upper Class einheiratet zusätzliche Spannung?

Heutzutage nicht mehr. Vor zehn, zwanzig Jahren wäre das wahrscheinlich noch undenkbar gewesen.

Wo leben Sie denn?

Ich lebe immer dort, wo ich gerade drehe. Im Moment in Los Angeles, wo ich in “Mission Impossible 3" mitspiele.

Hat Woody Allen denn die Spannungen in der feinen Londoner Gesellschaft erfasst?

Oh ja, sehr gut sogar.

Es ist aber nicht nur wegen des Ortswechsels von New York nach London ein sehr ungewöhnlicher Film für ihn.

Aber das macht den Film gerade so faszinierend. Nach seinen letzten Filmen haben die Leute ja nicht mehr so viel von Woody Allen erwartet. Wahrscheinlich, weil sie prinzipiell so viel von ihm erwartet haben. Aber dann plötzlich macht es einen Ruck und er dreht mit fast 70 Jahren noch einmal einen Film, der ihn wieder zu der Sorte Film zurückbringt, die er vor 25, 30 Jahren gemacht hat, als alle vor ihm auf die Knie gegangen sind und nur noch auf das nächste Meisterwerk von Woody Allen gewartet haben. Und jetzt hat er ihnen wieder eines gegeben. Man sollte eben niemanden vorzeitig abschreiben.

Was bedeutet es denn für einen Schauspieler Ihrer Generation, von Woody Allen engagiert zu werden?

Ich weiß nicht, ich habe mir da nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Sicher, wenn ich anderen Schauspielern erzähle, dass ich die Hauptrolle in einem Woody-Allen-Film spiele, reagieren sie immer mit so einer Mischung aus Bewunderung und Verbitterung. Ich habe Woody Allen nie so vergöttert. Ich mochte seine Filme, halte ihn für einen großen Regisseur, aber ich habe ihn nie für den absoluten Höhepunkt der Filmkunst gehalten wie so viele andere Schauspieler.

Früher war eine Rolle in einem Woody-Allen-Film für einen Schauspieler fast so eine Auszeichnung wie ein Oscar.

In Filmkreisen ist es das wohl immer noch. Woody Allen verleiht einem irgendwie das Prädikat, ein guter Schauspieler zu sein, weil er eben noch nie schlechte Schauspieler engagiert hat.

In letzter Zeit hat diese Bewunderung vielleicht ein bisschen abgenommen, weil er eben Schauspieler für Filme engagiert hat, die eben nicht so gut waren. So gesehen ist es natürlich eine große Ehre, die Hauptrolle in dem Film zu spielen, mit dem er wieder zu seiner alten Größe gefunden hat.

Wie schwer ist es, unter Woody Allen nicht wie Woody Allen zu spielen?

Ich weiß, das ist vielen Schauspielern passiert, weil sie so eine Ehrfurcht vor ihm haben und versuchen, Woody Allen in einem Woody Allen-Film zu spielen. Vielleicht glauben sie, dass er das so will. Aber warum sollte er einen dann engagieren? So gut wie er kann doch sowieso niemand Woody Allen spielen. Ich habe mich ganz auf die Figur des Chris konzentriert. Deswegen hatte er mich ja engagiert.

Noch so eine Entscheidung?

Klar. Ich habe mich entschieden, die Rolle so gut wie ich kann zu spielen. Hatte ich vor, einen grandiosen Film zu machen? Das müssen sowieso andere Leute entscheiden. Ich wollte die Leute unterhalten und ich hoffe die Leute amüsieren sich.

Andrian Kreye ~ AndrianKreye.com