Jonathan Rhys Meyers Die Rückkehr des Königs


Von CHRIS SULLIVAN

Die meisten Leinwand-Versionen von Henry VIII waren, um es gelinde zu sagen, etwas übergewichtig. Der schlanke, junge Jonathan Rhys Meyers erklärt, warum er die perfekte Wahl für die erste realistische Darstellung des Monarchen ist…

JRM kommt zum Live Photoshoot in Schlangenleder-Cowboystiefeln, Jeans, einem engen T-Shirt mit V-Ausschnitt und einer zerfledderten Designerjacke. Alle Köpfe drehen sich nach ihm um.

Im April des letzten Jahres veröffentlichte sein Pressesprecher, dass „Jonathan Rhys Meyers nach non-stop Dreh`s von Filmen nun in einer Rehaklinik ist“.

Jonathan Rhys Meyers, 30, spielt sein Rebellenimage runter. „Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich enthüllen soll, wie langweilig mein Leben ist.“

Und heute? Er ist auf die Sekunde pünktlich. Er stellt sich schnell allen im Raum vor: dem Fotografen, dem Assistenten des Stylisten, dem Tee-Jungen und dem Hund.

„Hallo“, sagt er. „Ich bin Jonathan Rhys Meyers. Es ist eine Freude, Euch alle kennenzulernen. Also dann, lasst uns loslegen. Was soll ich anziehen? Was für ein Farbschema möchtet ihr?“

Sehr nüchtern und verlässlich.

Später im Café des Studios frage ich ihn, was dieses ganze Drama letztes Jahr war. Mit einem Blitzen in seinen unwahrscheinlich blau-grünen Augen antwortet er mit einem leichten irischen Akzent, eingefärbt mit ein wenig amerikanischer Sprachmelodie.

Jacke von Roberto Cavalli, Jeans von J. Lindeberg, Schuhe von Gucci

„Ich habe nicht mal mehr ans Trinken gedacht, seit meine Mutter gestorben ist. Trinken bringt mich nicht weiter.“

„Ich habe sowieso nichts getrunken, bis ich 25 war. Ich war alleine in Thailand und habe gedreht. Ich war etwas einsam und trank.“

„Seit ich 27 bin, war ich mindestens 1 ½ Duzend Mal betrunken – und wenn ich es bin, bin ich wie Bambi. Ich bin neben der Spur, hoffnungslos wie ein 16-jähriges Kind. Den Leuten fällt das auf.“

„Nun passt trinken nicht mehr da hin, wo ich hin will. Ich will etwas Nützliches aus meinem Leben machen. Trinken hat damit nichts zu tun. Und das muss ich nicht betonen.“

„Um ehrlich zu sein, ich kümmere mich nicht darum und hoffe, dass die Leute es genauso machen, aber es interessiert mich nicht wirklich. Diese ganze Trink-Geschichte hat sowieso alle Proportionen gesprengt.“

„Irgendwie mag ich die Leute, die glauben, dass ich ein wilder, rebellierender Kerl bin. Aber in der Realität bin ich das nicht und ich bin mir nicht sicher, ob ich mein langweiliges Leben preisgeben will. Natürlich wird man als junger, irischer Schauspieler erst einmal abgestempelt. Es ist ein dauerhaftes Klichée.

„Ich will etwas Nützliches in meinem Leben tun. Trinken gehört nicht dazu.“

Er sollte es wissen. Seine Idole sind Peter O’Toole, Richard Harris und Richard Burton. Wie sie, liefert er kantige, schwierige und rätselhafte Charaktere mit einer umwerfenden Gelassenheit, denn er ist kantig, schwierig und rätselhaft.

Er hat eine besondere Art – er ist definitiv noch hübscher in Person als im Film – und er hat etwas zerbrechliches und explosives an sich und diesen Zwiespalt hatte er schon sehr gut nützen können.

Nach seiner Rolle mit Keira Knightley in Kick it like Beckham, die ihm den Durchbruch verschaffte, gewann er einen Golden Globe für seine schillernde Darstellung des jungen und verletzlichen Elvis Presley, überragte Tom Cruise als Geheimagent in Mission: Impossible III und übertraf Ewan McGregor als hinterhältiger, bisexueller Glam-Rock Star in Todd Haynes Underground Kult-Film Velvet Goldmine.

Anzug von Kilgour, weißes Shirt von Prada, Ring von Stephen Webster, Schuhe von Gucci

Ich empfehle jedem, sich ihn anzusehen, wenn er wieder in die Rolle des Henry VIII in der zweiten Staffel von „Die Tudors“ schlüpft. Rhys Meyers in der Rolle des königlichen, vielleicht leicht barbarischen, eines brillianten Paranoia schürenden, charismatischen und gefährlichen Königs von England.

„Ich dachte ich komme arrogant und altklug rüber, denn so waren die jungen Könige“, sagt er.

„Von Henry wurde noch nicht mal erwartet, dass er sich selbst den Hintern sauber macht. Es gab einen Mann, der als Pfleger des Stuhls bekannt war und es war eine große Ehre, diesen Job zu machen. Jeder der das Previleg von Geburt an besass, wird anmaßend und arrogant und denkt, er wäre ein lebender Gott“.

„Als ich die Rolle annahm, war ich besorgt, dass ich nicht die physischen Ähnlichkeiten zu dem Charakter hatte“.

„Aber Lady Antonia Fraser, eine Autorität von Tudor England, sagte, das Einzige was an meiner Darstellung enttäuschend sei, wäre, dass ich kein rotes Haar habe.“

„Um ehrlich zu sein, der Grund dafür ist, dass ich mit roten Haaren furchtbar aussehe. Ich sah absolut lächerlich aus mit der roten Perücke.“

Rhys Meyers kam 1977 als Frühchen zur Welt und wurde sofort getauft, denn es wurde angenommen, dass er bald an seinem Herzfehler sterben würde. Er verließ das Krankenhaus 7 Monate später.

Als die Familie kurz darauf nach Cork zog, löste sich die Beziehung seiner Eltern auf. Seine jüngeren Brüder Jamie und Paul blieben beim Vater, einem Musiker, während seine Mutter ihn und seinen Bruder Alan in einer kleinen Sozialwohnung aufzog. Er wurde aus seiner katholischen Schule wegen Fernbleibens geworfen.

T-Shirt von Calvin Klein, Kette von Stephen Webster, Jeans, Jacke und Sonnenbrille sind Jonathans Eigentum.

„Ich hatte eine benachteiligte Jugend. Aber das haben auch 95% aller Leute auf diesem Planeten, ich bin nur einer von Vielen.“
„Ich hatte Glück, dass mein Leben nun diesen Weg ging.“

„So wie ich das sehe, hatte ich zwei verschiedene Leben. Ich wurde mit 15 aus der Schule geworfen und nun, da ich fast 31 bin, bin ich anders als der Junge von damals.“

„Wenn ich an die Person die in Cork aufgewachsen ist, zurück denke, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn noch kennen würde. Ich habe viel Zeit mit Billiard spielen verbracht, wenn ich eigentlich in der Schule sein sollte. Und dann wurde ich rausgeworfen. Nicht, weil ich ein böser Junge war, sondern weil ich nicht hin wollte.“

„Aber ich hätte es lieber nicht so weit kommen lassen sollen, denn es ist nicht gut für ein Kind, wenn es diesen Artikel liest und dann denkt, dass rausfliegen okay ist – darauf sollte man nicht stolz sein. Die christlichen Brüder haben getan, was sie tun mussten – sie waren nicht so gut ausgebildet, wie die heutigen Lehrer. Ich war nur eins von vielen Kindern, die den Ärger mit sich zogen.“

Seine Karriere begann, als ein Casting-Agent ihn in Cork in einer Billiard-Halle sah und ihn ermutigte für einen Film vorzusprechen. Er bekam die Rolle nicht, aber er drehte dann einen Werbespot für Knorr Suppen.

Seine erste richtige Rolle hatte er als Mörder von Liam Neeson in Michael Collins und als Schurke in The Tribe von Stephen Poliakoff.

„Wir mussten so ein Dreier-Sex-Ding machen, ich, Jeremy Northam und Anna Friel. Ich hatte so eine Dreier-Szene mit einem Mann und einer Frau noch nie gemacht, aber ich wusste, dass Jeremy deswegen sehr angespannt war, also gab ich mein Bestes, um ihn sich noch unwohler fühlen zu lassen, indem ich seinen Hintern begrabschte. Wir Kelten ziehen die Leute eben gerne auf. Das können wir am Besten.“

Bizarrerweise musste er dann Ewan McGregor in Velvet Goldmine küssen.

„Obwohl eine Vielzahl der weiblichen Population vielleicht denkt, dass Ewan zu küssen das Beste ist, dass mir wohl jemals passiert ist, muss ich sagen, dass es nicht gerade der angenehmste Filmkuss war, den ich erlebt hatte. Aber zumindest war ich sein Erster.“

Nachdem er den schaurigen Steerpike in der BBC-Serie Gormenghast spielte, kaufte er seiner Mutter ein Haus.

„Es war schön, das tun zu können“, sagt er, und seine Augen werden feucht.

„Es war eins dieser Dinge, die Söhne tun müssen. Es war nichts Besonderes und ich habe nicht nach Pluspunkten gegeiert. Es war ein Weg für mich, mein Geld in etwas zu investieren, was ich sehr, sehr liebe,“

In den Staaten ist er wahrscheinlich, dank seiner Hauptrolle in der Serie Elvis, ein größerer Star als in Großbritannien.

„Die Sache ist, ich habe Elvis nie als diesen grossen Superstar gesehen.“

„Ich sah in ihm ein Kind, welches alles nutzte, um aus seiner Situation zu kommen, in der er war. Aber das Problem war, dass er davon erdrückt wurde.“

„Er filmte King Creole in New Orleans und wollte in diesem bekannten Restaurant namens Anoine’s essen. Alle Leute trugen Anzüge und wollten los, als Colonel Parker rein kam und sagte „Elvis, Du kannst nicht zum Antoine’s gehen – Du bist zu berühmt. Du kannst diesen Raum nicht verlassen.“

„Er war 23 und das war das erste Mal, dass er diese Ausmaße seiner Berühmtheit erkannte und dass er damit leben musste. Glaubt mir, alle Schauspieler und Darsteller, ich eingeschlossen, wir leben von der Aufmerksamkeit, sonst würden wir nicht das tun, was wir tun.“

„Ich lese oft solche Sachen wie (er nutzt seinen Akzent) „Ich will mein Privatleben“.

„Aber das geht nicht. Ganz einfach. Man hat das Geld und den Ruhm, aber man muss einige Dinge aufgeben – also lebt damit, so wird Euer Leben sein. Wenn man das nicht möchte, muss man etwas anderes tun.“

Er ist nicht beeindruckt von der Hollywood-Maschinerie.

„Das Geschäft ist voll von jungen Kerlen aus Cork und Ridley Scott aus Tyneside und Russel Crowe aus Down Under und Ewan aus Perth und Jude aus London und Colin aus Dublin, alle sind in normalen Verhältnissen aufgewachsen und haben nun diesen außergewöhnlichen Job.“

„Sie tragen vielleicht schickere Kleidung und haben hübschere Freundinnen, aber auch sie hatten früher diese unmögliche Frisur und eine Schuluniform die am Kamin hing.“

„Ich werde nicht zu all den glamourösen Partys eingeladen. Und selbst wenn dies der Fall wäre, bin ich mir nicht sicher, ob ich da hingehen würde.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Draufgängertum, dass diese 23-jährigen jungen Käfer da draußen haben, auch habe. Sie denken alles sei so aufregend und fabelhaft. Aber die stumpfen bald ab und wenn ich 45 bin, werde ich einen Bierbauch haben und im Ferrari die Mädels abschleppen.“

Jacke von Kilgour, T-Shirt von Calvin Klein, Hose von J. Lindeberg, Kette und Ring von Stephen Webster, Schuhe von Gucci

Zurück zu Henry.

„So war er. Er hat Katharina von Aragon nur verlassen, weil er eine neue, junge Frau wollte.“

„Das ist eben wie bei einem Mann der eine Frau geheiratet und dann Millionen verdient hat. Und wenn er 45 wird, fängt er an, 22-jährige Models zu daten.“

„Aber für Henry war das nicht so leicht. Für ihn war alles eine Staatsangelegenheit. Aber ich bewundere ihn sehr. Er hat die englische Navy geschaffen. Er hat entschlossen, dass das Gesetz über der Religion steht und wie die Spiritualität gesehen werden sollte.“

„Und ja, er hatte 6 Frauen, aber 6 Ehen machen einen Mann nicht glücklich. Nun, nicht jeder der 6 Frauen hatte, wird nur fröhlich sein.“

„Ich denke sogar, er war weniger ein Bübchen, als die Leute es glauben. Er hatte einige sehr harte, sehr erschreckende Erfahrungen am Hof als kleiner Junge gehabt.“

„Sein Vater schlug eine Rebellion nieder, da war er noch ganz klein. Er und seine Mutter waren im Tower von London 7 Tage eingesperrt und er wusste nicht, ob er nun hingerichtet wird oder nicht.“

„Leute um ihn herum starben, auch sein Bruder.“

„Zu dieser Zeit war Krieg sehr persönlich. Du stehst dort mit einem großen Schwert und hörst, wie das Fleisch reisst, wenn Du selbst jemanden umbracht hast. Ein Mann musste sehr tapfer sein, um einem anderen Mann auf dem Feld gegenüber zu stehen und Mann gegen Mann zu kämpfen.“

Und die endlosen Sex-Skandale?

„Ja, es gibt viel Sex in „Die Tudors“. Aber in England geht die Sonne um 04:30 nachmittags unter und man kann nur eine bestimmte Anzahl Lammkeulen auf einmal essen.“

„Sex war das Highlight eines Abends. Und er hielt das Bett warm.“

Mit diesen verblüffenden Antworten beenden wir die Unterhaltung.

„Leute haben diesen Eindruck von mir und werden ihn immer haben“, sagte er vorher zu mir.
„Aber ich werde das Beste aus dem machen, was ich habe. Ich denke Du hast eine dunkle und eine helle Seite an Dir, um interessant zu sein.“

Erleichtert, einige nüchterne Stunden mit Rhys Meyers verbracht zu haben, weiss ich nun genau was er meint.

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