Interview mit Graham Fuller (2006)
Jonathan Rhys Meyers: er hatte immer ein eindringlich gutes Aussehen und lässt mit seinem übersprudelnden Talent Herzen schmelzen. Also, wie kommt es, dass er den ungefragtesten König der Neurosen spielt, um alles raus zu lassen?
Interview , Feb, 2006 von Graham Fuller
Er ist der unverschämte Renaissance Prinz der für das Geschwätz der Cocktail-Stunde in englischen Landhäusern sorgt. In Woody Allen’s Match Point gibt Rhys Meyers seine bis dahin packendste Performance als Chris Wilton ab, einen ehemaligen Tennis-Profi, welcher die Gelegenheit ergreift, eine Welt voller Privilegien zu sehen, indem er die süße aber ahnungslose Chloe (Emily Mortimer) umgarnt, die Tochter eines reichen Geschäftsmannes der oberen Mittelklasse. Zum Verhängnis wird Chris seine unstillbare Lust auf Nola (Scarlett Johannson) eine offenherzige, sexy, amerikanische Schauspielerin, welche die Frau des Bruders seiner zukünftigen Frau sein wird. Ihre Verabredungen haben eine vollmundige Symmetrie im Gegensatz zu allem anderen in Allen’s Film, welcher kürzlich noch das Feierliche über das Sinnliche hob. Aber als sexy Nola zur schrillenden Bestimmerin wird, welche den Lebensstil von Chris bedroht, kann dieser nicht loslassen. Rhys Meyers bringt dieses quallvolle existenzielle Dilemma wundervoll rüber.
Der 28-Jährige aus Dublin hat sich schon an einigen anständigen Männerrollen in seiner Karriere versucht, bemerkenswert war vor allem der Fußball-Trainer in “Kick it like Beckham (2002)”. Aber Rhys Meyers hat sein Augenmerk viel mehr auf in der Rolle des vielseitigen Rockstars (Velvet Goldmine 1998, Elvis 2005), einen schlangenäugigen Söldner (Ride with the Devil, 1999), ein charmant hochnäsiger George Minafer (The Magnificent Ambersons, 2002) und den Schwerenöter in der Napoleon-Ära (Vanity Fair, 2004) gelegt. Er wird so langsam zu einem der großen Leinwand-Bösewichten – trotzdem sollten wir ihm auf eigene Gefahr trauen. Über das Telefon aus LA erscheint der Junge lebhaft, einfühlend und angenehm unbeeindruckt über das Mysterium des Schauspielerei oder die Politik mit der in Hollywood Filme gemacht werden.
GRAHAM FULLER: Denken Sie, dass Woody Allen Sie als Chris Wilton für Match Point gecastet hat, weil er Sie als George Osborne in Vanity Fair gesehen hat? Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, nicht wahr? Beide sind soziale Aufsteiger, die versuchen mit der Frau eines anderen zu schlafen.
JONATHAN RHYS MEYERS: Ich weiß nicht wie Woody auf mich kam. Aber ich denke, er hat sich einige meiner Arbeiten vorher angesehen und er wollte das Chris ein Mix aus der Süße des Charakters, den ich in Kick it like Beckham spielte, ist und der Fähigkeit, grausame Dinge wie George Osborne zu tun.
Chris ist kein böser Typ. Er ist nur jemand, der schlechte Entscheidungen getroffen hat. Ein Großteil des Filmes fokussiert sich auf das Glück. Es gibt zwei Arten: Gut und Böse. Gutes Glück ist eine Möglichkeit es zu zeigen und Chris, welcher einen ambitionierten Charakterzug hat, erkennt wenn er es hat. Tom lädt ihn zur Oper ein. Er trifft eine Entscheidung. Er geht hin. Er trifft Chloe. Sie will mit ihm ausgehen. Er trifft eine Entscheidung: er geht mit ihr aus. Er treibt es mit den Andeutungen so weit wie es geht, aber das schädigt seinen Charakter. Dann trifft er Nola und er hat wieder etwas Glück, aber er trifft eine schlechte Entscheidung.
GF: Sie sagen er ist kein böser Kerl, aber da ist etwas Skrupelloses das unter seiner Glaubwürdigkeit hervorschaut. Wir sehen das, wenn er z.B. für den Job des Trainers im Tennis-Club interviewt wird oder als er Tom’s Familie trifft. Er ist zu gut, um wahr zu sein.
JRM: Wenn man sich in irgendeiner Industrie bewegt – vor allem beim Sport, wo man sein Talent verpfändet – muss man vor bestimmten Sportlegenden, vor manchen Trainern oder manchen Firmen kriechen, um gesponsert zu werden. Chris hat also gelernt zu kriechen. Ich habe beim Spielen nicht gemerkt, dass ich ihn so spiele, ich habe es erst gesehen, als der Film fertig war. Er ist ein Traumkerl. Er ist unvoreingenommen, schlau aber nicht zu sehr, sensibel ohne ein Weichei zu sein, athletisch ohne ein hirnloser Bodybuilder zu sein. Er passt überall genau rein und das ist es, was Chloe anzieht und was ihre Familie schnell vertrauen zu ihm fassen lässt.
GF: Glauben Sie, er liebt sie?
JRM: Verzweifelt. Wissen Sie, wenn Mädchen erwachen werden, wollen sie alle mit dem Bad Boy, dem Adonis ausgehen. Nun, das hält bis sie 30 sind und dann wollen sie etwas ganz anderes. Sie wollen gut behandelt werden. Chris geht es genauso und Chloe ist eine Frau und eine Mutterfigur, also jemand, der ihn trösten kann.
Ich denke nicht das er Nola je geliebt hat. Sie ist fast etwas zu rau – dieses wilde, fantastische, schöne blonde Gift, die nur in der Kiste total spektakulär sein kann. Es wird sogar noch komplizierter, als Nola ein Kind will. Nicht nur, dass er diese Verantwortung nicht will, er stellt ihre Motive in Frage. Sie ist nicht gerade die mütterlichste Person auf der Welt. Ich denke, sie will das Kind aus verschiedenen Gründen. Ein großer Aspekt könnte die Rache an der Hewett-Familie sein. Denkt daran – sie wurde schrecklich behandelt von Tom und Chloe’s Mutter und wurde dann unspektakulär von Tom verlassen.
GF: Denken Sie, dass Nola Chris liebt?
JRM: Das glaube ich nicht. Sie sucht nach Sicherheit. Einen Job als Schauspielerin zu finden hat sie nicht geschafft. Sie hat nicht länger das Potential eine wohlhabende Verlobte zu sein. Sie ist nur ein blondes Mädchen mit einem Job in einem Klamottenladen. Sie denkt, sie hat die Macht über Chris, aber es wird ihr während ihrer Affäre bewusst, dass sie nicht ohne Einsatz vorankommt. Also ist eine Schwangerschaft ihre Gelegenheit diesen Kerl zu halten. Ich kann mir beinahe schon vorstellen, wie sie die Löcher ins Kondom macht. Grundsätzlich hat Chris nur 3 Möglichkeiten. Erstens, er kann Chloe von der lächerlichen Affäre mit Nola und dass er sie geschwängert hat erzählen, obwohl er alles über weibliche Eifersucht weiß, so dass er das schnell wieder verwirft. Zweitens, das Kind mit Nola kriegen und sein Geld verlieren, seine Position und das Leben, an welches er so gewöhnt ist. Drittens, Nola ausschalten.
GF: Denken Sie, dass ihm die Moral ins Gewissen redet?
JRM: Natürlich. Er macht eine fast faustische Abmachung. Er weiß, das er seine Seele für den finanziellen Komfort verkaufen muss.
GF: War es aufregend das herauszufinden, während Sie Chris spielten?
JRM: Ja und Nein. Ich meine, es ist aufregend von Sir Edmund Hillary’s Mount Everst Besteigung zu hören aber es ist nicht so aufregend, wenn man Hillary ist. Es ist abschreckend. Ich musste all diese verschiedenen Level durchmachen und ich war zu konzentriert, um aufgeregt zu sein. Ich musste auf diesen Berg steigen. Ich hörte zu diesem Zeitpunkt nie auf, Chris Wilton zu sein.
GF: Wie hat Sie das beeinflusst?
JRM: Ich weiß es wirklich nicht. Ich denke, dass fast alle Schauspieler so arbeiten. Wenn sie einen Film drehen sind sie irgendwie immer drin. Grundsätzlich kann man nichts von draußen mitnehmen. Man muss sich innerlich identifizieren. Ich glaube nicht, dass man losziehen kann und Informationen sammeln kann oder Beobachtungen machen kann, um ein Charakter zu spielen. Man sieht Ähnlichkeiten in sich selbst. Alles was in Chris Wilton existiert, existiert bis zu einem gewissen Grad auch in Jonny Rhys Meyers.
GF: Also haben Sie eigene emotionale Erfahrungen zu Rate gezogen?
JRM: Ich war in Beziehungen, in denen ich meine Freundinnen betrogen habe. Also wusste ich, wie das ist. Ich wusste, wie man lügt und wie schuldig man sich fühlt und es nicht zu zeigen, denn ich habe es selbst erlebt.
GF: Chris ist eigentlich ein besserer Darsteller als Nola, die angehende Schauspielerin, nicht wahr?
JRM: Natürlich ist er das. Die meisten Leute in schlimmen Situation, die Lügen müssen, gewinnen einen Oscar (lacht).
GF: Haben Sie einen skrupellosen Wesenszug in sich?
JRM: Bestimmt. Ich denke, wenn man einige Zeit als Schauspieler, Produzent, Agent, Regisseur -egal was – in der Filmindustrie verbringt, muss man das haben, denn es gibt zu viel Politik. Man muss kriecherisch sein.
GF: Also nutzen Sie Ihren Charm?
JRM: Ich kann das anstellen wie einen Wasserhahn. Manchmal finde ich es schwieriger, wenn mich jemand frustriert, denn dann kann ich meine Emotionen schlecht verheimlichen. Ich trage mein Herz auf der Zunge, was auch der Grund dafür ist, das ich bestimmte Emotionen vor der Kamera zeigen kann. Aber ja, selbst wenn es mir nicht gut geht, kann ich mich zusammenreißen und etwas Charm zeigen. Es funktioniert nicht immer, aber…
GF: Sie reden nicht gerade vom Schauspielern als wäre es Urlaub. Also warum machen Sie es? Was wollen Sie?
JRM: Jesus, das ist eine Frage, oder? In jedem Moment ist es anders. Ich fing mit 18 Jahren damit an, weil ich eine Hauptrolle in einem Film bekommen hatte. Ich sagte als Kind nicht „Wenn ich groß bin, will ich Schauspieler sein.“. Ich denke, dass mein Antrieb, also die Tatsache ist, dass ich sehr jung versehentlich etwas fand, das ich machen konnte. Aber das bedeutet nicht notwendigerweise, dass ich es immer liebe. Denn es ist nicht liebenswürdig. Der Prozess des Schauspielerns ist relativ einfach. Es ist keine Hirn-OP. Man nimmt den Charakter an und spielt ihn so natürlich wie man kann. Das war’s. Es gibt keinen größeren oder höheren Zweck.
Die Schwierigkeit ist das Geschäftliche. Denn egal wie genial man als Schauspieler ist oder wie viele Millionen Dollar man hat, kann man auf einen See von Zurückweisungen blicken, wenn man in die Vergangenheit schaut – sogar die Leute, die ganz oben sind. Nur weil jemand Leonardo DiCaprio ist, heißt das nicht, dass man alles was man möchte auch bekommt. Man muss genau wie jeder Andere um die Rolle kämpfen. OK, er kämpft auf einem anderen Level, aber es ist ein Kampf. Das Schwierige an diesem Prozess ist der Versuch, sein Selbstbewusstsein neu zu erfinden, selbst wenn es immer wieder angekratzt wird. Und natürlich, gibt es für die 10 Leute, die dich in einem Film mögen, auch 10 die das nicht tun. Ich las eine Kritik von Velvet Goldmine in welcher gesagt wurde, dass ich das Charisma eines Kaugummis hätte. Ich glaube, das habe ich mir aufgehoben.
GF: Beurteilen Sie Ihre Arbeit hart?
JRM: Ach, ich bin unmöglich. Ich bin manchmal sehr nahe an der Grenze zur Dummheit. Ich kann mir meine Darstellungen nicht ansehen, egal unter welchen Umständen. Letztes Jahr wurde ich für den Emmy nominiert, für Elvis, aber ich habe ihn nie gesehen. Ich kann nicht garantieren, dass alles was ich mache gut ist oder nicht. Alles was ich machen kann, ist es zu versuchen.
Was habe ich am Ende des Tages davon? Geld. Ich kann zu verschiedenen Plätzen reisen. Ich kann für 10 bis 12 Stunden am Tag nicht ich sein. Das ist eine gute Fluchtmöglichkeit. Es kann sehr therapeutisch sein. Aber es ist nichts, was sofort befriedigt. Sicher, es ist befriedigend, wenn ein Film die $300 Millionen Marke an der Abendkasse durchbricht, dann bekommt man ein $5 Millionen Angebot und die Awards fliegen dir hinterher. Aber meistens ist es nicht so. Meistens ist es mehr so, dass jemand auf dich zu kommt und sagt „Hey, ich hab dich in diesem Film gesehen. Das war super!“ Und ich sage „Ja, vielen Dank.“ Und da kommt die Befriedigung ins Spiel.
GF: Also ist es wichtig für Sie, als guter Schauspieler wiedererkannt zu werden?
JRM: Oh, Gott, ja! Schrecklich wichtig. Wissen Sie, ich hatte mal eine Unterhaltung mit Colin Farrel als wir Alexander drehten (2004) und wir waren uns einig, dass die einzige Hoffnung im Leben die ist, als guter Schauspieler und guter Mann betrachtet zu werden. Alles andere ist ein Bonus.
GF: Denken Sie, Sie sind ein guter Mann?
JRM: Ich habe meine Momente.





