Details Magazine Interview (2007)
Jonathan Rhys Meyers
Der irische Schauspieler ist raus aus der Reha und kann nun beweisen, dass er bereit für den Aufstieg ist.
„PUSSY!“, brüllt Jonathan Rhys Meyers. „Ich will Pussy!“
Wir befinden uns auf einer menschengefüllten Straße neben dem St. Stehpen’s Green Park in Dublin, Irland und versuchen französische und italienische Touristen zu meiden, welche vielleicht nicht verstehen, was Rhys Meyers da brüllt, aber den sexuellen Unterton kann man spüren. Und sicherlich können seine, in der Herbstsonne vorbei schlendernden, Landesmänner nachvollziehen, was er sagt. Der irische Schauspieler ist natürlich beim schauspielern. Er mimt einen Mann, welcher versucht, eine Unterhaltung in einem vollen Nachtclub zu führen.
„Ich sagte „Pussy! Pussy“, brüllt er. „P-u-s-s-y.“
Rhys Meyers selbst, geht nicht mehr an diese gerammelt vollen, üblen Orte. Ein notorischer Partymensch, welcher kürzlich dem Alkohol abgeschworen hat. „Bis ich 25 war, habe ich gar nicht getrunken und ich trank auch nicht jeden Tag, aber wenn ich es tat, dann schlimm. Es waren einige Tage, da ging dann gar nichts mehr, ausser mit einem Kater aufzuwachen. Trinken passt nicht in den Groove rein, den mein Leben gerade hat.
Rhys Meyers war mit seinen 30 Jahren schon 2 mal in der Reha.
„Ich will gute Dinge in meinem Leben tun“, sagt er.“Und trinken passt da nicht rein. Die Richard Burton- und Peter O’Toole Tage sind vorbei.“
Nun sitzen wir an einem Holztisch, welcher uneben auf dem Kopfsteinpflaster des Gehwegs steht, draussen in einem Café. Rhys Meyers bestellt eine Cola und zündet sich eine Camel an.
Ein fauler Geruch umgibt uns.
„Das bin ich“, sagt er. „Ich verbrenne das falsche Fell an den Ärmeln meiner Jacke.“ Er hat heimlich unter dem Tisch das weiße Plastikfeuerzeug in seine linke Hand gewechselt, während wir uns hinsetzten. Der Bund seiner alten Lederjacke hängt ihm über die Hand. Er erklärt, es war ein systematisches Abfackeln über mehrere Tage.
Warum?
Er zuckt die Schulter und schaut das Feuerzeug an, als würde es das alleine machen. „Um etwas zu tun,“ sagt er.
Es ist schwer zu sagen, warum genau Rhys Meyers so berühmt ist, wie er ist (Hat er die Aussichten eines Jake Gyllenhaal vor Brokeback? Oder eines Joaquin Phoenix vor Walk the Line?) Warum schaffte es einer seiner Reha-Besuche auf die Titelseite der US Weekly, warum standen seine Knutschereien aus Bars in der „Page Six“, warum interessieren Celebritiy-Blogger sich genug, um über seine Sexualität zu spekulieren – im Moment sind diese Fragen ein Teil seines Mysteriums. Er ist ein TV-Star aber die Showtime-Serie „Die Tudors“ ist nicht gerade ein Hit (das Staffelfinale hatte gerade mal 465.000 Zuschauer). Er ist ein Film-Star aber er war nie der Vorzeigename in einem großen Film (vielleicht ändert der in diesem Monat kommende Film, August Rush das)- Seit seiner Durchbruchsrolle als Frauenschwarm im 2002er Film Kick it like Beckham, war seine Karriere ein unvorhersehbarer Trip durch eine verwirrende Liste von Independent- und Hollywood-Filmen. Schon mal “The Tesseract” gesehen? Oder „The Emperos’s Wife? Oder “Octane”? Rhys Meyer hat in teuren Produktionen wie Mission: Impossible III und Alexander mitgespielt. Aber auf seinem Weg hat er genug fesselnde Darstellungen gedreht – den unmännlichen Glamrocker in Velvet Goldmine, den mörderischen Sozialaufsteiger in Woody Allen’s Match Point – um sich als provokatives Talent und potentiell großer Star zu etablieren.
“Ich bin mittlerweile ein besserer Schauspieler als damals, als ich 18 war,” sagt Rhys Meyers, und fummelt an den Schaffell-Teilen seines Ärmels rum, die er noch nicht weggebrannt hat. Er ist der Auffassung, dass das Schwierigste an seinem Job ist, dass er auch dann noch so tun muss, als wäre er schön, wenn er das nicht denkt. „Wir sollten uns nicht selbst verarschen – es geht in diesem Geschäft ums Aussehen. Schau, Brad Pitt ist ein toller Schauspieler aber denkst Du, er wäre berühmt, wenn er nicht so aussehen würde? Komm schon“ An manchen Tagen hat man einfach nicht dieses äußerliche Selbstbewusstsein. Das ist ein schreckliches Gefühl. Mein Erfolg hängt viel davon ab, wie ich aussehe. Das weiß ich.“
Es ist schwer vorzustellen, das er solche Tage hat. Sein Gesicht ist lang und kantig, und ein Ziegenbärtchen mit einem Schnurrbart akzentuieren sein stark ausgeprägtes Kinn. Seine Augen glänzen je nach Licht mal blau mal silber und grün, wenn es dunkel wird. Eine 20-Jahre alte Narbe nahe seiner Lippe – von einer Hurling-Verletzung – gibt ihm eine subtile Rauhheit. Er hat die seltsame Angewohnheit allen Leuten über meine Schulter in die Augen zu schauen. Schließlich hält eine vierköpfige Familie an und fragt, ob er Jonathan Rhys Meyers sei. Er bejaht dies glücklich und steht für ein Foto auf. „Ein Teil des Narzissmuss ist eine schreckliche Unsicherheit,“ sagt er, während er sich hinsetzt. „Wenn ich nicht selbst so unsicher über mich wäre, würde ich nicht so hart arbeiten. Ich suche immer nach Bestätigung.“
Rhys Meyers wuchs als Jonathan Michael Francis O’Keefe in Cork im Süden von Ireland auf, wo er in einer 4-Raum-Wohnung mit seiner Mutter Geraldine Meyers, welche für die Wohlfahrt arbeitete, und seinem jüngeren Bruder Alan lebte. Er war 3, als sein Vater, John O’Keefe seine Frau verlies und Rhys Meyers’ jüngere Brüder mitnahm, um mit ihnen und seiner Oma zusammen zu wohnen. Rhys Meyers und er standen sich bis er Anfang 20 war nicht besonders nahe. Er redet herablassend über dieses Detail seines Lebens: “Ich habe über alles geredet,” sagt er. „Bin nicht daran interessiert, darauf einzugehen.“ Aber dann gibt er zu, dass seine Unsicherheiten daher rühren, dass er als Junge Versagensängste hatte. „Ich war nur ein Kind und hatte keinen Vater. Das ist schwer, denn als Kind gibt man sich für alles die Schuld. Und ich gab mir die Schuld, dass er nicht da war, dafür, dass meine Eltern sich getrennt hatten.“
Unfähig, auch nur eine Stunde ruhig zu sitzen, flog Rhys Meyers als Teenager beinahe aus der Schule “Ich wollte alles nur keine Schule machen, irgendwas, was nicht Wissenschaft, nicht Mathe, nicht Geschichte ist.“ Mit 15 wurde er gebeten, die Schule zu verlassen. „Meine Mutter war ganz schön sauer deswegen,“ erinnert er sich. „Sie war außer sich vor Wut. Wir hatten nicht das Geld und für sie war Bildung wichtig.”
Am nächsten Tag sah er seine Freunde zur Schule gehen und er sagte sich selbst “Was mache ich jetzt? Ich kann nicht nur zu Hause rumhocken und Fernsehen schauen. Meine Mutter würde das nicht wollen. Also musste ich nach einem Job suchen.“
Oder wenigstens aus dem Haus raus. Er fing an, in einer ortsansässigen Billiard-Kneipe rumzuhängen, wo er einen netten Bauern traff, Christopher Croft, welcher ihm einen Job auf seiner 650-Hektar Farm in Buttevant, County Cork anbot. Also zog Rhys Meyers mit 16 bei den Crofts mit ihren drei Kindern ein (Croft, welcher in der Öffentlichkeit schon zugegeben hat, schwul zu sein, wurde letzten Juli wegen sexueller Misshandlung Minderjähriger festgenommen). Er und Rhys Meyers sagen beide, dass ihre Beziehung wie eine Vater-Sohn Beziehung war. Und während er zugibt, Croft einmal sehr nahe gestanden zu haben, sagt er auch, dass er seit 3 Jahren nicht mehr mit ihm gerede habe.
“Als Kind dachte ich nie, dass ich Schauspieler werde,” sag Rhys Meyers. „Aber ich erinnere mich, dass ich auf der Couch saß und Johnny Depp in 21 Jump Street sah – meine Lieblingsshow – und dachte: „Das ist so cool!““ Ermutigt durch einen Casting-Agenten in Dublin, welcher durch die Billiard-Halle lief, in der er immer rumhing, ging Rhys Meyers von der Croft Farm zum Vorsprechen und bekam seine erste große Rolle in Neil Jordan’s Michael Collins. Er war 19. Seit damals lebt er das umherreisende Leben eines Schauspielers. „Nicht viele Beziehungen können das überleben,“ sagt er, und zieht seine Jacke an. „Eine Frau muss viel Vertrauen haben, wenn Du an einem Set mit einer schönen Schauspielerin bist. Es gibt viel Eifersucht.“
Die Klatschblätter berichteten das Rhys Meyers und seine Freundin, Kosmetik-Erbin Reena Hammer, sich letzten Frühling nach 3 Jahren getrennt haben. Seiner Aussage nach ist es mehr “eine ernsthafte Auszeit”. Er zündet sich noch eine Zigarrette an und macht eine Pause und streckt seine Hand aus, um sie auf meine Schulter zu legen. „Es ist so, ich bin 30. Mein Leben findet in Hotelzimmern statt, ich reise viel und wenn man unterwegs ist, ist man viel alleine. Irgendwann will ich Kinder und all das. Aber im Moment fokusiere ich mich auf meine Karriere.”
Wenn Rhys Meyers seinen Platz mit einem Ebenbürtigen tauschen könnte, wäre das Leonardo DiCaprio – nicht, weil mich seine Schauspielerei umhaut, sonder weil er einen machtvollen Status in der Industrie hat. „Macht ist sehr verführerisch“, sagt er. „Er war jung, sehr erfolgreich, ein Party-Boy, verschwand zwei Jahre und wurde dann ein mega Hollywood Star. Im Moment verdiene ich $5 Millionen Dollar, nicht $100 Millionen Dollar.“ Rhys Meyers lebt in einem bequemen Haus in Nichols Canyon, Los Angeles und besitzt ein Haus in County Cork und ein Apartment in Spanien in der Nähe von Valencia. „Ich gebe nichts auf das Geld. Ich bin kein Geld Mensch. Ich bin auch kein Auto Mensch.“ Er verrät das seine rote Monkey Uhr nur $100 gekostet hat. „Ich will genug haben, um, wenn nötig, meiner Mutter und meinen Brüdern helfen zu können…Aber ich will auch Filme machen können. Ich werde nicht herumsitzen und sagen, ich will anonym bleiben oder das ich nicht berühmt sein will. Denn das will ich sein.“
Seine momentanen Rollen als Henry VIII in “Die Tudors” und als Mann auf der Mission, seine verschwundene große Liebe zu finden – eine Frau, mit der er einen One-Night-Stand hatte und somit einen Sohn hat, von dem er nichts weiß – in August Rush, das sind seine letzten Schritte seiner kalkulierten Reise. Im Januar, beginnt Rhys Meyers “Mandrake” zu filmen, einen Action-Streifen unter der Regie von Chuck Russel, über einen entflohenend Künstler, welcher für den United States Treasury Service arbeitet und seine Kräfte der Illusion nutzt, um Verbrechen zu bekämpfen. „Danach habe ich gesucht;“ sagt Rhys Meyers. „Henry den VIII zu spielen bedeutete, dass die Leute mich als kleine, gemeine, Testosteron-Maschine sehen, als Alpha-Männchen. „Mandrake“ ist ein realer, muskulöser, testosterongeladener Aktion Hero, der ziemlich auf Zack ist.”
Rhys Meyers hatte ein Alpha-Männchen Erlebnis als er 18 war. Es war mitten im Dezember, abends, und er war gerade damit fertig geworden in der Scheune rumzualbern und auf dem Sofa in Christopfer Croft’s rubin-rot gestrichenem Wohnzimmer zu relaxen. Er sah „Young Guns“ und dachte an seine kommende erste Hauptrolle, sein Wendepunkt – in „The Maker“ als er das Holz brechen hörte, und sah den Lauf eines Gewehrs in der Haustür. Sechs Diebe mit Sturmhauben rannten in den Raum und befahlen Rhys Meyers, ihnen sein Geld zu geben. „Ich hatte keins,“ sagt er und er sollte den Haus-Safe öffnen. „Sie waren ungefähr eine Stunde da, nahmen alles auseinander, suchten nach Geld und Wertgegenständen.“ Zog er es in Betracht, die Kombination des Safes nicht zu sagen? „Nicht eine Sekunde. Ich öffnete ihn und sie verschwanden mit ein paar tausend Kröten.“
Im Café bricht das Licht durch die Wolken, flutet den Gehweg und richtet einen halben Schatten auf Rhys Meyers. Er macht seine Zigarette aus und zündelt weiter an seiner Jacke rum. Da ist ein Pickel auf seiner rechten Wange, teilweise durch Make-Up überdeckt von einem früheren Fotoshoot. Das, diese jungenhaften Augen, und sein dünner Körperbau, lassen ihn gut aussehen und für einen Moment sieht er wie ein halbwüchsiger Junge aus.
„Weißt Du warum ich aus dem Rampenlicht bleibe?“, fragt er. „Ich denke immer das die Zeit kommen wird, in der die Leute herausfinden, dass das was ich tue, Mist ist. Ich denke, sie werden herausfinden, das ich Scheiße bin. Fühlt nicht jeder so?“





